
Ski & Zug: „Ein Rückflug hätte die ganze Reise zerstört“
Die Idee, mit dem Zug und auf Ski von Italien in die Türkei zu reisen – kam die von dir?
Eigentlich von Loïc Isliker. Wir saßen im Sommer beisammen und plötzlich hatte er die Idee, dass wir unser nächstes Projekt unbedingt per Zug angehen sollten. Die ursprüngliche Idee war, am Mittelmeer einen Kreis zu ziehen: Wir wollten auf Korsika, Sizilien und in Griechenland Ski fahren. Und die Strecken dazwischen per Zug und per Fähre zurücklegen.
Was hat euch dann vom Mittelmeer in den Osten umgelenkt?
Der Schnee. Bevor wir Richtung Mittelmeer losfahren wollten, haben wir festgestellt: Mist, da liegt ja gar kein Schnee! Es war also klar, dass wir unseren Plan umschmeißen mussten. Und so kamen wir auf die Idee, mit dem Zug immer weiter nach Osten zu fahren – und zwischendurch Ski zu fahren.
Wenn du den Balkan Express, wo du zusammen mit Jochen Mesle radelnd und skifahrend von Thessaloniki nach Italien gereist bist, mit dem Zug- und Skiprojekt Going East vergleichst: Welche Art der Fortbewegung zum Berg ist dir lieber?
Das Radeln. Mit dem Zug ist man sehr viel eingeschränkter als mit dem Bike. Das fängt schon damit an, dass einen der Zug in den Ländern, in denen wir unterwegs waren, eigentlich nur dort zum Berg bringt, wo es auch ein Skigebiet gibt. Man muss also vom Skigebiet aus starten, auch wenn das Ziel eigentlich Skitouren abseits von jedem Skigebiet ist. Wir mussten fast immer erstmal zu diesen überlaufenen Skiorten, die wir am liebsten gemieden hätten – um von dort aus ins freie, unerschlossene Gelände zu gelangen. Mit dem Rad dagegen kann ich einfach jedes Ziel ansteuern – das kostet zwar Kraft, Zeit und ist dem Wetter ausgesetzt, aber dafür ich komme mit dem Rad fast überall hin.
Was spricht dagegen, beides zu kombinieren? Also Zug und Bike.
Das haben wir auch schon gemacht. Aber das ist gar nicht so easy von der Planung her wie man meinen würde, weil du zum Beispiel nicht in jeden Zug mit dem Rad reinkommst. Wenn du auch noch Ski dabeihast, musst du ständig dein ganzes Radl-Ski-Transport-Set-Up auf- und abbauen. Unsere Fahrt war ja schon so – ganz ohne Rad – brutal anstrengend. Wir hatten alle ein Interrailticket, konnten theoretisch also in jeden Zug einsteigen. In der Praxis musst du aber alle Nachtzüge vorbuchen, sonst kommst du nicht in den Zug.
Also lieber nur Radlfahren statt Zug?
Ich glaub‘ schon. Natürlich ist der Zug als Möglichkeit für eine weite Erstanreise megafein. Aber danach ist die Mobilität per Rad höher – zumindest in den Ländern, in denen wir für Going East unterwegs waren. Wobei wir grundsätzlich natürlich schon zeigen wollen, was mit dem Zug alles möglich ist. Besonders bei uns in den Alpen. Ein Wochenendtrip zum Skifahren in den Alpen – das funktioniert bei uns in den Alpen mit der Bahn sehr, sehr gut.



Wie wichtig ist es bei so einem Projekt, dass man sich gut kennt und versteht?
Man muss sich vorher nicht unbedingt schon jahrelang gut kennen wie das bei mir und Joi zum Beispiel der Fall ist. Aber man braucht in jedem Fall eine ähnliche Zielrichtung. Eine gemeinsame Festlegung auf das, was man machen will. Das Coole bei unserer Reise war, dass wir am Ende fast zu einer Person zusammengeschweißt waren – wenn wir irgendwo angekommen sind und nur fünf Minuten bis zum nächsten Zug hatten, hat einer Essen geholt, einer Getränke, einer Kaffee. Und keiner musste fragen, was der andere will – weil wir es eh schon wussten.
Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?
Mehr Zeit einplanen – wenn man denn die Zeit hat. Und die Skireise vielleicht so planen, dass ich nur zwei Stopps habe, dort aber jeweils mehr Zeit verbringe. Aber das war halt nicht unsere Idee. Unser Konzept war, mit dem Zug so weit wie möglich nach Osten zu kommen. Und zwischendurch immer wieder Skitouren zu unternehmen. Ursprünglich wollten wir sogar noch viel weiter in den Osten, bis nach Georgien. Aber das wäre sich mit der Rückreise nicht mehr ausgegangen in den drei Wochen, die wir hatten. Wir sind ja nicht zurückgeflogen, sondern auch wieder per Zug nach Hause gefahren – und das fünf Tage. Danach waren wir wirklich so was von durch.
Von Anfang an stand fest: Wir fahren auch per Zug nach Hause. Wären wir geflogen, hätte das den Sinn der ganzen Reise zerstört.
Bist du auch sonst ein Mit-dem-Zug-zum-Berg-Fahrer?
Klar. Ich fahre so viel Zug wie möglich. Zum Beispiel wenn ich im Sommer zu meinen Bergführer-Jobs unterwegs bin. Das Zugfahren ist mir sehr vertraut.
Hast du überhaupt noch ein Auto?
Ja, wir haben ein Auto. Bei uns auf dem Land wäre es ohne Auto mit den drei Kindern schon sehr schwierig. Meistens geht es darum, dass das große, siebenjährige Kind abends zwei Dörfer weiter Sport macht – und dass man es in Dunkelheit und im Winter natürlich nicht radeln lässt. Das geht einfach nicht.
Wo fandet ihr die Züge am besten?
Die Zuglinie in der Türkei bei unserer Heimreise, die war wirklich mega. Immer pünktlich und fast so durchstrukturiert wie in Japan. Sonst war es zum Teil ganz schön heftig. Besonders im Nachtzug, mit dem wir von Bulgarien nach Istanbul gefahren sind. Da hatten wir zwar Liegewagen, haben aber trotzdem kaum geschlafen, weil man bei den Grenzkontrollen – und davon gibt es mehrere – von jemandem geweckt wird, der mit einem Riesenstock gegen die Zimmertüren schlägt.
Was klappt nicht so gut beim in die Bergfahren mit der Bahn?
Wenn man mit viel Equipment unterwegs ist, gerade auch mit dem Radl, muss man – besonders mit der Deutschen Bahn, aber auch in der Schweiz – sehr lange im Voraus buchen. Das macht es nicht leicht, wenn man wie ich zum Beispiel Zeitfenster sehr spontan und kurzfristig nutzen will. Das Wichtigste ist in jedem Fall, das Gepäck zu minimieren: Ein Rucksack und nicht fünf Taschen. So wie am Berg.

Ihr wart auf eurer Zug- und Skireise in Italien, in Österreich, in der Slowakei, in Rumänien, Bulgarien und der Türkei. Wie war das mit dem Lawinenlagebericht außerhalb der Alpen?
Einen Lagebericht wie wir ihn überall in den Alpen glücklicherweise kennen gibt es da gar nicht. Für Bulgarien haben wir eine Facebook-Gruppe gefunden, wo es um die Lawinenlage geht. Sonst habe ich nichts gefunden, zumindest nicht auf Englisch.
Ihr habt also selber Schneeprofile gegraben?
Ja, besonders in der Türkei haben wir viel gebuddelt. Und uns auf Basis unserer Schneeprofile oft gegen die geplante Tour entschieden, was auch gut war: einmal haben wir einen Tag nachdem wir unsere Tour abgebrochen hatten, erfahren, dass in dem Gebiet nur einen Berg weiter große Lawinen abgegangen waren. Man muss sich, wenn man keine gute Lawinenprognose wie hier in den Alpen hat und neu in einem unbekannten Gebiet angekommen ist, wirklich vorsichtig in fremde Berge hineintasten.
Man kommt an und will Gas geben. Aber es ist wichtig, erst mal einen Gang runterzuschalten und sich die Schneedecke anzuschauen.
Wer also selbst nicht über diese Schneedecken-Kompetenz verfügt, braucht für so eine Reise eine gute Bergführerin oder Bergführer.
Absolut. Es ist ja auch nicht so, dass man sich diese Kenntnisse schnell mal draufschaffen kann. Deswegen sollten die allermeisten eine Skitourenreise in Gebirge, wo man letztlich selber für die Lawinenprognose verantwortlich ist, nur mit einem Bergführer unternehmen.
Welche Wetter-Apps haben sich für euch bewährt?
Eigentlich Meteoblue. Aber der Wetterbericht hätte eh nichts an unseren Reiseplänen geändert. Wir mussten mit den Bedingungen und dem Wetter klarkommen, das uns erwartet hat.

Wo habt Ihr die besten Bedingungen vorgefunden?
In der Hohen Tatra hatten wir enorm gute Bedingungen. Zwar keinen Powder, aber sehr safen Hardpack. Es hatte richtig viel Schnee und eine gute und stabile Grundlage. Perfekt für das, was wir da vorhatten.
Rinnen.
Ja, ein Rinnenfestival. Wir sind dort viele kurze Sachen ganz ohne langen Zustieg gegangen. Das ist ein wahnsinnig komprimiertes Gebirge. Ein bisschen wie Chamonix, nur kleingeschrumpft und megacool. Ich wollte immer schon mal in die Tatra. Das war ein kleiner Traum von mir.
Ganz anders in der Türkei: Bei den zwei Vulkanbergen, die ihr dort bestiegen habt, sieht man, wie brutal windexponiert diese Berge sind.
Deswegen ist es so verdammt schwer, am Erciyes und am Hasan Dağı gute Bedingungen zu finden. Diese Berge stehen komplett solitär in der Landschaft herum. Und bekommen ständig Wind ab. Gleichzeitig ist das Klima sehr kontinental und kalt. Das Meer ist sehr weit entfernt, so dass kaum Feuchtigkeit ankommt, die die Schneedecke verändern könnte. Ganz anders als in Bulgarien, wo es in den Bergen superfeucht zuging, als wir dort waren. Und wo die Berge auch sehr kleinräumig sind.
Die Verhältnisse in Rumänien sehen im Film auch sehr gut aus.
Die Karpaten wäre mega gewesen, wenn man länger dortgeblieben wäre. Und das Wetter schön geworden wäre. Viele Konjunktive. Aber irgendwie war es – Bedingungen hin oder her – überall cool.
Tolles Skigelände, die Karpaten.
Ja, voll gut. Nicht umsonst gibt es dort Heliskiing. Aber wie überall muss man schon sehr aufpassen. Kurz bevor wir dort waren, gab es ein Lawinenunglück. Zum Teil sind das dort riesige offene Flächen, die ganz viel Wind abbekommen. Wenn es da lawinenmäßig scheppert, scheppert es groß.

Wie viel Gepäck hattet ihr mit?
Jeder hatte seinen Schlafsack und eine Isomatte. Und jeder nur eine Wechselunterwäsche. Eine normale Hose haben wir uns auch noch gegönnt. Mit Steigeisen, Pickel, Helm und Fellen ist der Rucksack dann ziemlich schnell voll. Ich hatte einen 30-Liter-Rucksack dabei, was für drei Wochen wirklich nicht viel ist. Den größten Anteil am Gepäck hatte die Filmausrüstung: Jeder hatte ein komplettes Kamera-und Foto-Equipment dabei.
Weshalb so viel Filmausrüstung?
Jeder sollte gleichermaßen vor wie hinter der Kamera sein. Jeder hat gefilmt, jeder hat fotografiert. Am Ende hatten wir unglaublich viel Material: Terrabytes an Daten, durch die sich Loïc und Joi gewühlt haben, bevor sie den Film so toll geschnitten haben.
Verwendest du auf solchen Reisen leichtere Skiausrüstung als sonst?
Ich war genauso unterwegs wie sonst: Mit meinem Freeride-Ski von Fischer, dem Ranger 102. Dazu eine Bindung von Plum und der Transalp-Schuh von Fischer, den ich allerdings mit einem anderen, härteren Liner von Zipfit fahre. Oder mit dem Wrap-Liner von Intuition.
Wie habt ihr die Stromversorgung sichergestellt – für die Handys zum Navigieren und euer ganzes Kameraequipment?
Bei der Radreise mit einem Nabendynamo. Da konnten wir ständig laden. Bei der Zugreise waren wir natürlich auf jede sich bietende Lademöglichkeit angewiesen. Wenn wir in ein Café gegangen sind, um etwas zu trinken oder zu essen, hat mich als allererstes nicht die Speisekarte interessiert, sondern, ob es irgendwo Steckdosen gibt. Ich versuche mein System immer so aufzubauen, dass ich über nur einen Stecker alles laden kann. Wir haben dafür sogar die Kabel gekürzt. Was ich auch noch unbedingt empfehlen kann: man sollte immer eine ganz leichte, gut verstaubare Tasche dabei haben, damit man da seine Lebensmitteleinkäufe reinpacken kann.

Hast du einen weiteren Max-Kroneck-Ausrüstungsspezialtipp für Skireisen?
Immer einen Schlafsack mitnehmen! Meiner wiegt nicht mehr als 400 Gramm. Damit kann man sich überall hinlegen und ein bisschen schlafen. Egal ob am Bahnhof oder in einer Biwakschachtel. Außerdem sollte man seinen Reisepass immer am Körper tragen. Und sein Handy immer in der Hosentasche dabeihaben. Das hab‘ ich gelernt, als der Bus in der Türkei einmal ohne mich abgefahren ist.
Wie ist das passiert?
Die Busbahnhöfe in der Türkei sind sehr viel größer als bei uns. Größer als der Münchner Flughafen – so kam es mir jedenfalls vor. Die türkischen Fernbusse halten alle zwei, drei Stunden an, damit jeder aufs Klo gehen oder sich was zum Essen holen kann. Auf jedem Bus gibt es auch eine Art Steward, der Tee ausschenkt und danach schaut, ob alle wieder im Bus sind. Bei einem Stopp hat das irgendwie nicht richtig geklappt. Ich kam von der Toilette zurück – und der Bus war weg! Dabei waren sie – was ich aber nicht wissen konnte – nur auf ein anderes Stockwerk des Busterminals gefahren und wollten mich von dort anrufen. Was aber nicht funktionierte, weil ich eben mein Handy im Bus gelassen hatte. Ein netter Türke, dem der Bus auch davongefahren war, hat beobachtet, wie ich nach meinem Bus gesucht habe. Er hat mir geholfen, einen anderen Bus zu buchen. Er hat mir Geld geliehen und mir über seinen Insta-Account den anderen eine Nachricht schreiben lassen. Megacool.

Was habt ihr so über das Skifahren und Skikultur auf dieser Reise gelernt?
Die Skikultur war überall bemerkenswert anders. Was überall gleich war: wie sich die Menschen, wenn sie auf Skiern stehen, wieder in Kinder verwandeln. Sobald ein Mensch – egal wie erwachsen er ist – auf Skiern steht, ist er wieder am Spielen und grinst. Das war für mich eine der interessantesten Beobachtungen auf dieser Reise. Mir geht es ja auch so. Deswegen nenne ich die Skier auch mein Spielzeug.
Was habt ihr über eure heimischen Berge – die Alpen – auf dieser Reise gelernt?
Jeder, der schon außerhalb der Alpen oder außerhalb von Europa Skifahren war, versteht, wie einfach das Skifahren – egal ob auf Piste oder im Gelände – in den Alpen ist. Eine bessere Anbindung der Berge, an denen du Skifahren kannst, gibt es nirgendwo sonst: mega Straßen und super Zug- und Busverbindungen, überall Hütten und Lifte. Viele Freerider schauen ja immer etwas neidisch auf die, die in Kanada per Motorschlitten zum Freeriden gehen. Aber wer das einmal gemacht hat, will eigentlich sofort in die Alpen zurück.
Wie bekommst du Familie und solche Reisen unter einen Hut?
Ein wichtiger Faktor ist natürlich, dass meine drei Kinder damit aufgewachsen sind. Meine erste lange Reise war, als Leo noch kein Jahr alt war und ich mit „Eis und Palmen“ fünf Wochen lang am Mittelmeer unterwegs war. Als wir uns wiedergesehen haben, war er gefühlt fünf Köpfe größer. So eine Expedition ist natürlich schon auch heftig für die Familie – besonders für meine Frau. Andererseits bin ich sonst – wenn ich nicht führe oder auf Expedition gehe – voll und ganz zu Hause. Ich glaube nicht, dass mich die Kinder öfters und länger sehen würden, wenn ich einen ganz normalen 9-to-5-Job hätte. Ende Juli bis Oktober war ich zum Beispiel fast die ganze Zeit bei meiner Familie.
Meistens gebiert eine Reise die nächste Reise. Wo möchtest du nochmal länger hin, um Berge auf Skiern zu entdecken?
Auf jeden Fall in die Türkei. Dort auch noch weiter in den Osten zu den höheren Bergen. Die Menschen in der Türkei sind sehr fein und gastfreundlich.

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