
Unter 3%: Den Bergführern fehlen die Frauen
In Österreich gibt es 1399 eingetragene Bergführer*innen. Davon sind lediglich 32 Frauen – von diesen aktuell sieben noch in Ausbildung sind. Den Aspirantinnen stehen 110 männliche Auszubildende gegenüber – und ganze 1374 Männer, die die Ausbildung bereits abgeschlossen haben (Stand Frühjahr 2024). Damit beträgt die Frauenquote – alle Zahlen zusammengerechnet – nicht mal 3 Prozent (2,64 Prozent um genau zu sein).

Vor allem im Hinblick darauf, welche Benefits der Job für jedermann- und jedefrau zu bieten hätte, ist fraglich, woran ein höherer Frauenanteil scheitert. Denn eigentlich sind Frauen am Berg ja längst keine Exotinnen mehr – ganz im Gegenteil: Das weibliche Geschlecht steht auf den höchsten Bergen, befährt die steilsten Hänge und klettert die höchsten Schwierigkeitsgrade. Frauen beherrschen die Disziplinen, als Karriere ergreifen jedoch fast nur Männer den Beruf des Bergführers.
Wie immer, wenn man nach den fehlenden Frauen fragt, geht eine historische Komponente voran. Lange Zeit durften nur Männer die Disziplinen des Bergsports ausüben. Dabei steht aber außer Frage, dass das Bergsteigen nicht schon auch früher einen starken Reiz auf Frauen ausgeübt hätte. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert standen weibliche Protagonistinnen auf den hohen Gipfeln des Mt. Blanc oder dem Matternhorn.
Diese Frauen galten damals als Feministinnen und Vorbilder, die das Bergsteigen für die Etablierung von Frauenrechten nutzten. Es blieb jedoch bei ein paar einzelnen, wenigen. Mit einem großen Zeitsprung in der Gegenwart angekommen, hat sich heute natürlich vieles weiterentwickelt. Jüngst, vor allem durch die Präsenz weiblicher Alpinistinnen auf Social Media, erscheinen die herausragenden Leistungen vieler Frauen viel prominenter in der Öffentlichkeit.

Ein hoher Frauenanteil schlägt sich auch in den Statistiken alpiner Vereine nieder. Überall zeichnet sich ein sehr ausgewogenes Bild zwischen männlichen und weiblichen Vereinsmitgliedern. Überall – außer, wenn man auf diverse, institutionelle Positionen und Berufe blickt: Da verschwinden Frauen plötzlich aus der Statistik. Hier einige Beispiele:
- Beim DAV beträgt der Frauenanteil der Trainer B für Skihochtouren nur 12%, bei den Trainer B für Alpinklettern sind es auch nur 13% (Stand 2022)1.
- Im ÖAV beträgt der Frauenanteil unter den 6715 Tourenführer*innen und Tourenführer-Anwärter*innen nur 27,4 Prozent (weiblich 1893, männlich 4821, divers 1) (Stand 2023, Interview mit J. Einwanger, ÖAV)
- Der Bundesausschuss des Österreichischen Alpenvereins hat fünf weibliche unter 24 Mitgliedern (Stand 2024)3,
- für Olympia Paris 2024 sind zwei Routenbauerinnen neben acht Routenbauern nominiert. Ein Bild, dass sich auch im kommerziellen Routenbau widerspiegelt4.
Die Bergführerinnen in Österreich stehen mit ihrem 2,64 prozentigen Frauenanteil immer noch als extreme Ausreißer dar, aber reihen sich gut in die Schiefe der statistischen Verteilungsfunktion ein.

Wo sind all die Routenbauerinnen und Bergführerinnen?
Geht man also in eine Kletter- oder Boulderhalle, sind etwa zwanzig Prozent der Routen von Frauen geschraubt (erfahrungsgemäß sogar weniger) und dass, obwohl 50 Prozent der Hallenbesucher weiblich sind. Und bucht man eine Bergtour, so wird nur jede 40ste von einer weiblichen Guide geführt. Komisch, oder?
Doch was sind denn nun die Gründe für den Frauenmangel im alpinen High-end-Beruf des Bergführens? Eine Frage, die sich in voller Gänze nur schwierig in einem Artikel von halbwegs leserfreundlicher Länge beantworten lässt. Es sollen jedoch jene Faktoren thematisiert werden, die seitens der Forschung und aus Perspektive von Bergführerinnen als ausschlaggebend angesehen werden.

Ein wesentlicher Faktor ist die Sozialisierung. Genderzuschreibungen werden in einem lebenslangen Prozess in der Interaktion mit der Umwelt stabilisiert bzw. verankert. Man nennt dies „Doing Gender“5. Von klein an sind Menschen mit soziokulturellen Stereotypen konfrontiert.
Diese Schubladen-Denke hat durchaus evolutionär bedingte Komponenten: Sich einem Geschlecht, im weiteren Sinne einem Stamm zuzuordnen, ist im Menschen verankert und für die eigene Identität und Eingrenzung der Möglichkeiten elementar. Geht man davon aus, dass Kinder zu Bergführer-Charakteren erzogen werden, wären Jungen und Männer eher mit vorteilhaften Komparativen wie „sportlicher“, „mutiger“ und „selbstbewusster“ ausgestattet. Eigenschaften, die man als Bergführer gut gebrauchen kann.
Hinzu kommt eine körperliche Ebene, die Männern einen physiologischen Vorteil mitgibt, beispielsweise ein größeres Muskelwachstum. Ein Faktum, das durchaus eine tragende Rolle spielt. Bergführerinnen wie Fanny Schmutz oder Lissy Billon deklarieren immer wieder, dass Frauen durchschnittlich weniger schwere Rucksäcke tragen können als Männer.
Mehr auf bergundsteigen.com: Lise Billon: „Women’s first ascents nerven, weil es sich wie eine Abwertung anfühlt“

Diese Debatte wurde auch schon im Zuge der Piolet d’Or geführt und hat durchaus Auswirkungen auf Expeditionen im Alpinstil. Ein durchschnittlicher Mann ist aus sportwissenschaftlicher Sicht ausdauernder, insbesondere unter zusätzlicher Gewichtsbelastung, als eine durchschnittliche Frau. Diese biologischen Fakten werden natürlich von fitten Einzelpersonen immer wieder widerlegt, in der Masse spielen sie aber eine wortwörtlich tragende Rolle.
Als weiteres Kriterium kommt die geschlechtsspezifische Verantwortung hinsichtlich Fortpflanzung zum Tragen: Neben der Schwangerschaft sind Frauen nach wie vor häufiger die Hauptverantwortlichen in der Kindererziehung. Man würde dies gerne mit einem modernen, emanzipierten Denken negieren, oder zumindest einmal relativieren, jedoch ist in Forschungsarbeiten zu dieser Fragestellung klar herausgearbeitet worden, dass Frauen aufgrund der mütterlichen Verantwortung dazu neigen, sportliche Fähigkeiten und Selbstglauben zu verlieren6.

Es mangelt an Zeit und Energie für die Ausübung von intensiven Belastungen und Mütter sind nachweislich stärker von Schuldgefühlen geplagt, wenn sie (länger, mehrtägig) von der Familie getrennt sind7.
Weitere Erkenntnisse aus der Forschung beschreiben, dass sich Aspirantinnen des Bergführerberufs während der Ausbildung nachweislich stärker unter Druck setzen und eine höhere Erwartungshaltung an sich als ihre männlichen Mitstreiter haben8. Bergsportlerinnen sind zudem tendenziell zu bescheiden im Hinblick auf ihre Leistungen8. Sie befürchten als männlich und gefühlslos wahrgenommen zu werden, wenn sie stolz auf sich sind9.
Haben die Bergführer ein Imageproblem?
Aufgrund der genannten Gründe ergeben sich für Frauen bestimmte Lebensrealitäten und Bedürfnisse, die sich in der niedrigen Frauenquote widerspiegeln. Aber sind diese Argumente ausreichend? Spricht man mit Frauen, die in dem Beruf tätig sind, ergeben sich noch weitere Gründe.
Für diesen Artikel wurden aktive Bergführerinnen zur Einschätzung der Lage befragt. Diese geben einheitlich wieder, dass die Anforderungen, die Ausbildung und der Beruf absolut frauenfreundlich sind. Einschränkungen empfinden sie keineswegs – im Gegenteil: Viele Frauen sehen sogar Vorteile gegenüber Männern, da sie ihre Stärken nicht im physiologischen Bereich, sondern vor allem bei den sogenannten Softskills verorten.
Solche kognitiv-emotionellen Fähigkeiten, wie Kommunikations- und Reflektionsfähigkeit oder Empathievermögen sind maßgeblich entscheidend für den Erfolg einer Bergtour, denn das Bergführen ist ein sozialer Job, bei dem man mit Fingerspitzengefühl auf Mensch und Situation eingehen muss.

Weiters meinen die Bergführerinnen, dass sich das stereotype Bild, eines familieninkompatiblen Berufs, zu Unrecht hartnäckig hält: Selten wird gesehen, dass dank flexibler Zeit- und Aufgabeneinteilung Familie, Partnerschaft und Beruf sehr gut vereinbar sind.
Bergführen ist ein sozialer Job, bei dem man mit Fingerspitzengefühl auf Mensch und Situation eingehen muss.
Woran liegt es denn dann? Kann es womöglich sein, dass der Beruf des Bergführens einfach so dermaßen überladen ist von männlichen Attributen und Klischees, dass Frau sich womöglich nur schlecht mit dem Job identifizieren kann? Ist es so simpel? Für Bergführerin und Ausbildnerin Lisi Steurer ist der Bergsport ein Abbild der Gesellschaft.
So wie auch in Führungspositionen in Wirtschaft und Politik die Frauen fehlen, fehlen sie in den Führungspositionen des Bergsports. Steurer beschreibt die Gesellschaft als ein patriarchales System, indem Frauen nicht zu Führungskräften erzogen werden, sich zu exponieren oder mal was zu riskieren, dazu werden Mädchen nicht erzogen oder ermutigt.
Podcast mit Lisi Steurer: Risikofaktor Mann – Sind Frauen die besseren Bergsteiger?
Weiters gibt sie zu bedenken, dass immer mehr ihrer Kundinnen aktiv nach Bergführerinnen suchen, die wie sie selbst starke und unabhängige Frauen sind. Hier tut sich laut Steurer eine ganz neue Nische auf: Starke Frau führt starke Frau – Klingt eigentlich perfekt!

Braucht es mehr Frauenförderung?
Der Ruf nach Frauenförderung ist laut – und das nicht erst seit heute. An dieser Stelle lohnt es sich, einen Blick in die Arbeit alpiner Vereine zu werfen, denn hier werden die Grundsteine vieler späterer Bergsportler*innen und Bergführer*innen maßgeblich mitgestaltet.
Beim Expeditionskader des DAV werden Frauen und Männer seit 2011 in separaten Teams gefördert – selbe Inhalte, nachweislich bessere Ergebnisse. Teilnehmerinnen profitieren speziell von der Dynamik, die in einer Frauenseilschaft vorherrscht, sie bekräftigen sich gegenseitig und stellen sich nicht in den Schatten der Männer.
Mehr zur Ausbildung bei den Vereinen: bergundsteigen Schwerpunktheft „Generation Zukunft“
So seit diesem Jahr auch beim Naturfreunde Alpinkader. Beim Junge Alpinisten-Programm des ÖAV werden durchmischte Gruppen zwar bevorzugt, hier war jedoch, laut Joanna Kornacki (Mitarbeiterin Jugend, Projektleiterin Junge Alpinisten) die Anzahl der weiblichen BewerberInnen für das TEAM zuletzt sogar höher gewesen. Bei den Angeboten der YOUNGSTERS sind die weiblichen TeilnehmerInnen häufig in der Überzahl.

Generell spricht der ÖAV der Frauen- und Mädchenförderung einen hohen Stellenwert zu. Jürgen Einwanger (Leitung Akademie, ÖAV) erklärt, dass einerseits die bewusste Auswahl an Bildern mit weiblichen Akteurinnen in der Öffentlichkeitsarbeit und auch der verstärkte Einsatz von Trainerinnen bei Schulungen und Kursen einen wichtigen Beitrag leisten.
Andererseits wird in der Altersgruppe 12- bis 18-Jährige auch der Bedarf gesehen und gedeckt, Mädchen eigene Möglichkeiten und Räume zur Verfügung zu stellen. Diese Herangehensweise wird auch seitens Expertenmeinung befürwortet: Mädchen und Frauen haben ein stärkeres Bedürfnis nach wertfreien Bewegungsräumen. Durch zu viel Vergleich und das Gefühl des Beobachtetwerdens (z.B. beim Vorzeigen in Ausbildungen…) agieren Frauen gehemmt und zurückhaltend8. (Anm: Haben nicht auch Jungs und Männer dieses Bedürfnis?)
Solche kritik- und wertfreien Übungsräume wären laut den Forschungsarbeiten von Hall und Doran (2020)8 auch eine Möglichkeit, Frauen speziell in der Ausbildung zum Bergführerberuf zu fördern. Zudem fordern die Autorinnen, dass Trainings- und Ausbildungseinheiten sowie Aufnahmeprüfungen in kürzere Einheiten aufgeteilt werden könnten, damit die Termine besser mit dem Familienleben oder anderen Verpflichtungen vereinbar sind.

Würde man Softskills gleichermaßen ins Rampenlicht rücken wie die körperlichen Fähigkeiten, fänden Frauen hier mehr Argumente sich über ihre systematischen Stärken, stärker mit dem Beruf zu identifizieren.
Eine spezielle Anpassung der Inhalte zur Förderung von Frauen wird derzeit allerdings beim österreichischen Bergführerverband nicht angedacht, erklärt Martina Mrak (Geschäftsstelle österr. Bergführerverband und staatl. gepr. Bergführerin). Sie begründet dies damit, dass Frauen selbst es ablehnen, „anders“ behandelt zu werden und – wie auch am Berg – herrschen im Kurs gleiche Bedingungen für alle.
Vielleicht ist diese Anpassung der Inhalte ja auch nicht notwendig, denn die gute Nachricht zum Schluss: Heuer waren erstmals so viele Frauen bei der Aufnahmeprüfung, wie noch nie zuvor. Die Außenwahrnehmung der Bergführerin bzw. der Frau am Berg verändert sich – langsam, aber stetig.
Frauen im Aufstieg
Einen immensen Vorschub für die Wahrnehmungsveränderung gibt sicher die starke Präsenz von Frauen auf sozialen Netzwerken. Dazu braucht es aber auch noch mehr Filmerinnen, Autorinnen und Protagonistinnen vor und hinter der Kamera, die für eine substanzvolle, mediale Präsenz sorgen und durch ihr Wirken all den mutigen, abenteuerlustigen, selbstbewussten und klugen Frauen ein Vorbild sind10.
Video: Die Osttiroler Fotografin und Filmemacherin Ramona Waldner dokumentierte eine spektakuläre Segel- und Kletterexpedition von acht Frauen nach Grönland.
Mehr dazu auf bergundsteigen.com: Via Sedna – eine Frauenexpedition nach Grönland
Führungspositionen im Management und in anderen operativen Rollen des Bergsports sollten häufiger durch Frauen besetzt werden, denn sie dienen als wichtige Meinungsmacher und Sprachrohre für die Gesellschaft. Last but not least muss die ganze Darstellung des Berufs aufpoliert werden.

All die maskulinen Zuschreibungen werden auch den männlichen Partizipierenden nicht (mehr) gerecht – sie werden auch aktiv von vielen KundInnen abgelehnt. Es ist an der Zeit, den Bergsport von diesen Stereotypen zu befreien und auch Männer von einer anderen Seite darzustellen, um so auch dem modernen Rollenbild des Mannes gerecht zu werden.
Was Normalität eigentlich heißt
Wichtig ist es, dass das Bild der Frau am Berg zur Normalität wird. Frauen sollen für ihre Leistungen nicht mehr Anerkennung bekommen als männliche Gleichgesinnte. Normalität verlangt, dass es nicht „besonders“ oder „vorbildlich“ ist, wenn Frauen Bergführerinnen sein wollen oder sind. Mädchen müssen ganz selbstverständlich auch mutig erzogen werden.
Ohne Ellbogenkampf, ohne Feminismus. Derzeitig sind wir an diesem Punkt noch nicht angekommen, aber wenn ich um mich herumschaue, auf all die männlichen und weiblichen Bergsportler, bin ich zuversichtlich, dass wir diesen Weg gemeinsam einschlagen können, vielleicht noch nicht Morgen, aber sicher einmal Übermorgen.
Quellen:
1) DAV (2020). Geschlechterverteilung im DAV 2022. Zugriff unter: https://www.alpenverein.de/files/dav-geschlechterstatistik-2022.pdf
2) ÖAV (2017). Frauen in alpinen Vereinen… noch immer nicht selbstverständlich. Zugriff unter: https://www.alpenverein.at/portal/news/aktuelle_news/2017/2017_10_02_frauen-in-alpinen-vereinen.php
3)ÖAV (2024). Bundesausschuss. Zugriff unter: https://www.alpenverein.at/portal/der-verein/ueber-uns/bundesausschuss/
4) De Bruin, B (2019) In Search of Female Routesetters. Zugriff unter: https://gripped.com/profiles/in-search-of-female-route-setters/
5) Surur, A. (2006; 2014). Geschlecht und Gender. Zugriff unter: https://erwachsenenbildung.at/themen/gender_mainstreaming/theoretische_hintergruende/geschlecht_und_gender.php
6) Dilley, R.E., & Scraton, S.J. (2010). Women, climbing and serious leisure. Leisure Studies, 29(2), 125-141.
7) Day, K. (2000). The ethic of care and women’s experiences of public space. Journal of Environmental Psychology, 20, 103- 124.
8) Hall, J. & Doran, A. (2020). Researching Women in Mountaineering, United Kingdom. Sheffield Hallam University
9) Hall, J. (2018). Women mountaineers and affect: Fear, play and the unknown. In H. Saul & E. Waterton (Eds), Affective Geographies of Transformation, Exploration and Adventure. Oxon: Routledge, 147-164
10) Adventure Travel Research Association (ATTA). (2017). Out in front: tracking women’s leadership in adventure travel. Zugriff am 21.2.2021 unter https://www.adventuretravel.biz/research/out-in-front-tracking-womens-leadership-in-adventure-travel/